Erdarbeiten

„Wahrnehmung hört nicht beim Sehen mit den Augen auf. In jeder Wahrnehmung entsteht ein Wissen über Zusammenhänge, das von sich überrascht wird. Daher erzeugt die Wahrnehmung mehr als ein Spiegelbild der Wirklichkeit.“ [1]

ERDARBEITEN[2]

Für mich liegt im Umgang mit Materie und Landschaft eine wichtige Quelle für meine Bilder.

Seit fast 20 Jahren erkunde ich Landschaften auch dadurch, dass ich Erdmaterial in ihnen sammele. Weil mich die Erde, der Untergrund, in seiner Konsistenz und Farbigkeit anzieht und sich mir dadurch ein Aspekt einer Landschaft erschließt, der im wahrsten Sinne des Wortes „untergründig“ wirkt und meist eher unbeachtet bleibt.

Oft sind die Orte, an denen ich Erden finde menschengemachte „Wunden“ der Erde: Äcker, Sand-oder Baugruben, Steinbrüche, Gräben, Hänge,  Wegränder.

Hier ist die Erde nackt, öffnet ihr Inneres und zeigt sich.

Im Atelier verarbeite ich dieses Erdmaterial durch sieben oder reiben so fein wie möglich oder nötig, um es mit einer Wachslasur auf Papier oder Leinwand malen zu können.

Die so entstehenden Arbeiten offenbaren diese Farbigkeit in ihren feinen Unterschieden und generieren durch ihre unterschiedliche Körnigkeit eine reliefartige Oberfläche, die besondere Fähigkeiten aufweist, das Licht zu lenken, aufzuhalten oder zu zerstreuen.

Ein Bild bekommt so eine Objekthaftigkeit, die eine Art Zwitter zwischen  Malerei und Bildhauerei bildet. Es gilt nur bedingt, was für Bilder sonst Gültigkeit haben kann: dass es gleichgültig ist, welchen Standpunkt man vor einem Bild einnimmt, das Bild bleibt als solches immer gleich und stellt einen von der restlichen Welt gesonderten Bildraum dar[3].

Das objektartige Bild „ragt“ in den Umgebungsraum und wirkt in Ihn hinein. Es verändert sich mit den Lichtverhältnissen und dem eigenen Standpunkt.

Und es kann zwischen drei Orten vermitteln:

1. dem Bildraum,

2.dem Raum, in dem das Bild gezeigt wird und

3.dem Ort, dem das Material entnommen ist: dem Landschaftsraum.

Nicht, indem es ein Landschaftsbild als Abbild zeigt, sondern indem es tatsächlich eine Substanz aus einer oder verschieden Landschaften enthält. Die „untergründige“ Konsistenz und Farbigkeit dieser Landschaften ist im Bild.

Sie kann zum einen zeigen und spürbar werden lassen, wie diese Materialität immer (selbst wenn es im gewöhnlichen Leben unbeobachtet bleibt), einwirkt auf den erlebenden Menschen.

Ein sandiger Untergrund wirkt anders, als ein steiniges Gebirge, eine Torfmoor anders, als eine Landschaft aus Kalkformationen etc.

Durch die Verwendung  in der Malerei sind diese Substanzen  jetzt aber in eine neue Form  gebracht, die über das verwendete Erdmaterial hinausweist, auch wenn Eigenschaften der Erdsubstanzen weiter bedeutsam bleiben.

Das natürliche Material wird aus seinem naturgegeben Zusammenhang genommen und in einem Prozess der intensiven Bearbeitung oft in vielen Schichten über und hintereinandergelegt, mit Flüssigkeit verdünnt und wachsartigen Substanzen gebunden. So das neue, durchscheinende Schichten ebenso entstehen können, wie Überlagerungen, die bereits vorhandene Schichten gänzlich verdecken. Maßgeblich für die Entscheidungen, die den Prozess der Bildfindung bestimmen, sind nun die Empfindungen, die die Ästhetik von Farbe und Formen verlangt, im Kontext mit den  Empfindungen, die eine Landschaft in mir angeregt hat und dem, was sich über die Zeit daraus entwickelt.

Oft bin ich selber erstaunt, welche Wendungen sich in diesem Prozess wie notwendig ergeben und geistesgegenwärtig umgesetzt werden wollen.

Das Material, das einen Wandel durchläuft bei gleichzeitiger Beibehaltung wesentlicher Eigenschaften, wirkt durch diese Prozesse zwar weiter. Zum Beispiel hat eine kalkhaltige Substanz eine weiche Anmutung, anders als etwa eine kristalline Substanz usw., dies gibt der Bildwirkung eine entsprechende Prägung. Doch gleichzeitig sind diese Wirkungen in dem neuen Gesamtzusammenhang so hineingestellt, dass sie dort eine neue, im Wortsinne  Wirk- l- ich– keit bilden.

Ein wichtiger Teil der Arbeit an einem Bild ist die Betrachtung. Es stellt sich nach einer Zeit wachen Hinsehens eine Art Evidenzgefühl für den nächsten Schritt her. Denn mir ist nicht von Anfang an bekannt, in welche Wirklichkeit das Bild einmünden will. Wie also das Material aus einer Landschaft, meine Empfindung dieser Landschaft während meiner Anwesenheit in ihr, die Erinnerung an sie und anderen Faktoren, die während des Malens später einfließen, zu einem stimmigen Bild komponiert werden können.

Denn es ist nicht in jedem Fall die Landschaft im Bild am Ende noch das wesentliche Motiv. Das Erdmaterial kann auch in einen ganz anderen Zusammenhang im fertigen Bild in Erscheinung treten. Und damit ein völlig neues Thema unterstützen. Auch kann es vorkommen, das das Bild Farben verlangt, die keine Erdfarben sondern synthetische Farben sind.

„Hand“arbeit und „Gedanken“arbeit können durch eine sich erhellende Empfindung zu einem stimmigen Zusammenspiel kommen.

„Eine Hand gehört nicht nur zu einem Körper, sie ist Ausdruck und Fortsetzung eines Gedankens, den man erfassen und wiedergeben muss. (…) Und hier findet der wahre Kampf statt. (…)[4]

Die Gedanken werden oft mit dem Bild geboren und sind nicht gemeinhin schon vorher da. Allerdings geht es auch nicht ohne vorlaufende „Innenbilder“, um einen Prozess in Gang zu bringen.

Sie dürfen aber nicht willkürlich sein, oder starr. Sonst erweisen sich grade „konkrete“ Gedankenvorstellungen, wie oder was das Bild werden sollte, als größtes Hindernis.

Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty formuliert in einem Aufsatz über den Maler Cézanne im Jahr 1948 zu dessen Malerei: „Der Ausdruck darf also nicht die bloße Wiedergabe eines schon klaren Gedankens sein, denn klar sind nur die Gedanken, die schon von uns oder anderen ausgesprochen wurden.“[5]

Und weiter: „Wenn das Werk gelungen ist, besitzt es die merkwürdige Kraft, über sich selbst zu belehren. Indem (…)der Betrachter den Hinweisen (…) des Bildes nachgeht, neue Bezüge herstellt und es abwägend von verschiedenen Seiten angeht, stößt er am Ende –geleitet von der dunklen Klarheit des Stils – auf das, was man mitteilen wollte. Der Maler konnte nicht mehr tun als das Bild malen. Jetzt  muss er warten, bis das Bild für die anderen lebendig wird.“[6]

Cézanne hat dies in einer sehr umfassenden Weise    vollbracht. Es ist aber auch der Punkt, an dem jeder Künstler auf seine ihm eigene Weise arbeitet.                                                                                                                                                                                                                                                                                                             Es kann sich in jedem so entstandenen Bild ein gänzlich neuer Zusammenhang ergeben und der Maler muss es dann dem Urteil und Vermögen des Betrachters überlassen, ob die Bilder in ihm in diesem Sinne lebendig werden können.

Hier tritt noch ein vierter Raum in Erscheinung: der Seelenraum bzw. geistige Raum, in dem sich Maler und Betrachter bewegen und sich vermittels der Bilder treffen könnten. Über die reine Sinneswahrnehmung hinaus kann ein Kunstwerk die Kraft haben, dem Betrachter entgegen zu kommen und bei ihm ein Seelenerlebnis anzuregen. Wenn der Betrachter, wie Alexej Jawlenski sinngemäß formulierte, seine Seele darauf vorbereitet hat.

„Eine Sinneswahrnehmung wird zum Seelenerlebnis, wenn sie aus dem Gebiet des Sinnes aufgenommen wird in den Bereich des Ich[7]

Anmerkungen:

[1] Rede zur Eröffnung der Ruhrtrienale, Herta Müller, Autorin,  2017 SZ 20.08. 2017

[2] *Der Titel „Erdarbeiten“ ergab sich für mich gewissermaßen indirekt aus einem persönlichen Anlass, der mich 2018 in den Heimatort des Malers Fritz Winters und dadurch in das Museum Fritz-Winter-Haus führte. In Ahlen war eine der tiefsten Zechen in NRW, hier wurde von 1909-1989 Steinkohle abgebaut. Fritz Winter machte zunächst eine Elektrikerlehre in dieser Zeche Westfalen, bevor er sich am Bauhaus Dessau bewarb und bei Albers und Klee studierte. Besonders in seinen frühen Bildern (z.B. Triebkräfte der Erde, 1949) wird dieser biografische „Untergrund“ deutlich. Mir begegnete hier neuerlich dieses Motiv und trat wieder in mein Bewußtsein. In Folge kam mir der Begriff: Erdarbeiten.

[3] Dazu auch: Artifizielle Präsenz, Lambert Wiesing, Suhrkamp TB 1737, 2005

[4] Was ist ein Bild? Herausg. Gottfried Boehm, Fink Verlag 1994, Maurice Merlot-Ponty, Der Zweifel Cézannes, (S.50)

[5] Was ist ein Bild? Herausg. Gottfried Boehm, Fink Verlag 1994, Maurice Merlot-Ponty, Der Zweifel Cézannes, (S.51)

[6] Ebenda, (S.52)

[7] Anthroposophie Ein Fragment,1910, Rudolf Steiner, Rudolf Steiner Onlinearchive http//anthroposophie.byu.edu, 4.Auflage 2010

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